Tawhid

Einer ist perfekt

Warum ist es eigentlich so wichtig sich mit den Namen und Eigenschaften Allahs zu befassen? Und wie soll das überhaupt funktionieren? Haben wir Tauhid im Islam verstanden, wenn wir einfach 99 Wörter auswendig lernen, als wären es Vokabeln? Können wir Allah in Seiner Vollkommenheit überhaupt erkennen und mit eigenen Worten beschreiben?

Ich habe kürzlich einen Text über Allahs Namen und Attribute gelesen, der mein Empfinden zu einigen der genannten Fragen wundervoll auf den Punkt bringt und mir wirklich aus der Seele spricht. Ich möchte euch diese Zeilen nicht vorenthalten und zitiere hier einen kurzen Auszug:

“Aller Lobpreis gebührt Allah. (…) Preis sei Dir!

Nachdem mein Wissen seine Grenzen erreicht hat, halte ich dort ein, wo Halt zu machen Du mir aufgetragen hast. Ich mache dort Halt, wo auch Abu Bakr, Umar und die klugen Gefährten des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, und jene, die ihrem Weg folgten, Halt machten. Denn wie kann ich mit einer Verstandeskraft, die begrenzt ist, einem Denken, das abschweift und einem Auge, das sich selbst nicht erkennt, Deine Vollkommenheit verstehen und begreifen?

Immer wieder spricht mein Körper und meine Zunge: Den Dir gebührenden Lobpreis kann ich selbst nicht aufzählen, Du bist, wie Du Dich Selbst gepriesen hast. Darum habe ich keine Beschreibung außer jener, mit der Du Dich Selbst beschreibst oder mit der Dich der Gesandte, Segen und Friede auf ihm, beschrieb (…).

Dort, wo der Beschreibung Grenzen gesetzt sind, habe ich eingehalten und aus diesen Gärten habe ich geschöpft. Keine Vollkommenheit, von der Du berichtest, hat mein Verstand vernachlässigt, keine Eigenschaft, die Du bestätigst, verfälscht, keine Vollkommenheit gleichgesetzt mit Vergänglichem, das Du vernichtest und mit der Größe des Untergehenden, über das Du erhaben bist.
Preis Dir! Wie gewaltig ist Dein Rang, die Macht Deiner Würde, die Größe Deiner Selbst, wie gewaltig ist Dein ewiges Verweilen, wie groß der Dir gebührende Lobpreis! Es gibt keinen Gott außer Dir, lebendig, ewig; Dich überkommt weder Schlummer noch Schlaf.”

Aus: Der Glaube an die Namen & Eigenschaften Allahs (Fathy Eid)

Hier wird genau das deutlich, woran wir uns vor allem als Muslime in einer hochentwickelten, technologisch rasant wachsenden Gesellschaft erinnern müssen, insbesondere im Hinblick darauf, dass dieser Fortschritt überwiegend in einer “gottlosen Zeit” und einer “gottlosen Umgebung” stattfindet: Wir sind unwissende, begrenzte Geschöpfe und eben kein allwissender Schöpfer! Je mehr die “Religion Wissenschaft” erforscht und herausfindet, desto mehr scheinen wir Menschen zu vergessen, wie begrenzt unser Verstand ist. Uns überkommt das Gefühl der Hochmut, wo unsere Erkenntnisse doch vollkommen der Tatsache unterliegen, dass uns dieses Wissen nur gewährt wird und wir es eben nicht selbst erlangen.

Wir sollten in Ehrfurcht, Demut und Dankbarkeit erstarren, wenn wir ein Medikament entwickeln konnten oder eine neue Tierart gefunden haben, von der wir bisher nicht wussten, dass sie existierte, wie sie lebte, aussah und wo sie war. Stattdessen brüsten wir uns mit “Wir brauchen keinen Gott! Wir erschaffen, wir vernichten!” und führen uns mit dieser unerträglichen Hybris nur schneller und unbarmherziger ins Verderben, subhanAllah.

Ebensowenig wie wir imstande sind zu erschaffen und zu herrschen, sind auch unsere Worte defizitär und nicht in der Lage, Allahs Perfektion zu erfassen. Wir bedürfen Seiner Sprache, Seiner Allwissenheit, Seiner unermesslichen Weisheit, um Ihn begreifen zu können. Die Namen und Attribute, die Er Sich Selbst zuspricht, sind weit mehr als nur eine Deskription Seines Wesens: Sie sind unser Pfad zu Ihm. Sie sind der Weg, Ihn in Seiner Einheit auch nur ansatzweise zu begreifen.

Wie sollten unsere mangelhafte Wortwahl, unsere Gedichte, unsere Hymnen und unsere Lobpreisungen jemals an das Wort des Schöpfers Selbst herankommen? Wir sind darauf angewiesen, dass Er uns in Seiner Gnade mitteilt, was die beste Art und Weise ist, Ihn zu preisen und Ihn mit dem tiefsten Respekt anzurufen.

Selbst der Gesandte (s) sagt:

“Den Dir gebührenden Lobpreis kann ich selbst nicht aufzählen; Du bist, wie Du Dich Selbst gepriesen hast.”

(Sahih Muslim)

Dieses Bewusstsein unserer eigenen Fehlbarkeit und ursprünglichen Unwissenheit im Hinblick darauf, wie wir Allah ta’ala überhaupt anzusprechen und zu beschreiben haben, überwältigt mich manchmal so sehr, dass ich mich beinahe nicht traue, den Koran zu rezitieren, aus Angst Gottes Wort dabei nicht den Ihm gebührenden Respekt zollen zu können.

Trotzdem rezitiere ich dann, in Gedanken an die Worte des Gesandten (s):

„Wer auch immer einen Buchstaben aus dem Quran liest, wird eine Belohnung dafür bekommen und die Belohnung wird verzehnfacht. Ich sage nicht, dass Alif Lam Mim ein Buchstabe ist, sondern Alif ist ein Buchstabe, Lam ist ein Buchstabe und Mim ist ein Buchstabe.“

(At-Tirmidhi)

Ich schäme mich, die Worte im Gebet manchmal unbedacht, schnell oder undeutlich über meine Lippen rollen zu lassen, sind sie doch von unserem Schöpfer Selbst über unseren Propheten (s) an uns gerichtet worden. Gibt es ein größeres Geschenk, als uns wissen zu lassen, wie wir Gott anzusprechen haben? SubhanAllah.

Wir reden mit dem Schöpfer aller Welten, in Seiner unendlichen Größe und Erhabenheit, wir kleinen, unbedeutenden, fehlbaren Geschöpfe. Er ist nur mit Seinen Eigenen Worten zu beschreiben und zu erkennen. Es steht uns nicht zu, Seine Attribute nach unseren persönlichen Vorlieben zu hierarchisieren, zu modifizieren oder zu reformieren, entgegen so mancher Professoren, die meinen imstande und befugt dazu zu sein.

Aus diesen Gründen ist es unheimlich wichtig, Allahs Namen eben nicht nur zu lernen wie Vokabeln, sondern sie zu verinnerlichen. Wir müssen uns zudem nicht nur ihrer jeweiligen inhaltlichen, sondern auch ihrer absoluten Bedeutung bewusst sein, d.h. im Hinblick darauf, welchen Stellenwert Seine Namen überhaupt in unserem Gottesverständnis einzunehmen haben.

Wir richten unser Leben danach aus, Ihm allein und keinem anderen zu dienen. Wollen wir nicht Dem, Dem wir unser gesamtes Dasein widmen, so nah wie möglich kommen und Ihn in Seiner Vollkommenheit und Einheit unverfälscht kennenlernen?

“Manche Menschen sehen an Allah die Freigebigkeit,
Wohltaten und gute Werke,
manche sehen an Ihm Vergebung, Milde und Nachsicht
und manche unter ihnen sehen in ihm Stärke und Rache,
manche das Wissen und die Weisheit,
manche die Macht und die Herrlichkeit,
andere Barmherzigkeit, Güte und Milde,
manche sehen in Ihm die Gewalt und die Herrschaft,
andere sehen die Erhörung der Bitten, den Beistand im Kummer
und die Erfüllung ihrer Bedürfnisse.

 

Das umfassendste Wissen unter ihnen aber besitzt derjenige, der Ihn durch Seine Eigenen Worte kennt. Denn er erkennt einen Herrn, Der für Sich die Eigenschaften der Vollkommenheit und die Attribute der Erhabenheit vereint, frei von irgendetwas, das Ihm gleichen könnte, ohne Mangel und Fehler, dem jeder vortreffliche Name zukommt und jegliche vollkommene Eigenschaft”.

(Ibn al-Qayyim)

Mit diesen Worten hinterlasse ich euch mein ‘Salam’ in tiefer Demut vor dem Schöpfer.

° Eure Schwester Sina °

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