Al-Jabbar

Al-Jabbar

Der Unterwerfende

Diese Bezeichnung wird im Koran ebenfalls nur einmal in dem genannten Vers 23 in Sure 59 genannt. Der Name “Al-Jabbar” ist besonders stark und lässt mich – obwohl Arabisch nicht meine Muttersprache ist – schon allein durch seinen Klang immer wieder erschauern. Vielleicht kann ich mich von meinem Wissen über die Bedeutung des Namens nicht befreien, aber ich meine schon im Klang eine solche Wucht zu spüren, als wäre bereits die phonologische Dimension des Namens mächtig.

Im klassischen Arabisch bedeutet das Wort unter anderem Riese, Koloss, Gewalthaber. Selbst in der deutschen Übersetzung lässt sich ahnen, wie packend die Bedeutung dieses Namens im Hinblick auf Allah ta’ala zu verstehen ist. Der Name wird auch übersetzt mit “der Allgewaltige”. Er ist es, Der alles bezwingt. Er ist der Unausweichliche, der die Welten am Tag des Jüngsten Gerichts in Seiner Hand zusammenrollen wird.

Besonders in Gedanken an eben diesen Tag, der sich laut Überlieferung wie 50.000 Jahre anfühlen wird und zur Zeit des Morgengebets an einem Freitag beginnt, wird die bezwingende Kraft Allah ta’alas spürbar. Erdbeben werden den Boden aufspalten. Berge werden sich wie Wolken bewegen und einer Fata Morgana gleichen. Die einbrechenden Katastrophen und die Furcht der Menschen und Dschinn werden im Koran in Sure 22, Vers 2, als so gewaltig beschrieben, dass selbst jede Stillende ihren Säugling vergessen und jede Schwangere ihre Bürde abwerfen wird. Der Himmel erscheint wie der kochende Schmutz von Öl, Sonne und Mond verfinstern sich und die Sterne stürzen auf die Erde. Die Menschen werden laut Koran trunken wirken, ohne es zu sein.

“Wenn ins Horn ein einziges Mal geblasen wird und Erde und Berge gehoben und dann mit einem einzigen Schlag niedergeschmettert werden, an jenem Tag dann trifft die Stunde ein, die eintreffen wird, und der Himmel spaltet sich, sodass er an jenem Tag brüchig wird, und die Engel befinden sich an seinen Seiten. Und den Thron deines Herrn werden über ihnen an jenem Tag acht tragen.”

(Koran, Sure 69, Verse 13-17)

Allahu akbar.

Es besteht kein Zweifel an diesem Tag und wir müssen uns immer wieder daran erinnern, dass die von uns geforderte Rechenschaft unausweichlich auf uns zukommt. Wir lernen für Klausuren, bereiten uns auf Vokabeltests vor, pauken Regeln und Formeln, doch sind wir vorbereitet auf die unabwendbare, größte Prüfung überhaupt?

Eine leicht abgewandelte Anekdote aus meinem Leben…

Ich erinnere mich daran, einmal etwa zehn Minuten vor Vorlesungsbeginn in einem Hörsaal gesessen zu haben. Außen links, in einer Reihe, in der sonst niemand saß. Die Dozentin war noch nicht da, wartend und gelangweilt legte ich also meinen Kopf auf den kleinen Tisch vor mir und schloss meine Augen. Ich war zunächst sicher, nicht zu träumen, aber aus irgendeinem Grund – Allah weiß es am besten – sah ich vor meinem geistigen Auge auf einmal eine pechschwarze Fläche und inmitten dieser Fläche ein winziges leuchtendes Loch, so weit weg von mir, dass es wie ein Punkt aussah. Ich wunderte mich über das Bild in meinem Kopf, aber ich ließ mich darauf ein und bemerkte plötzlich, dass ich mich selbst in dieser schwarzen, undurchdringlich dunklen Fläche befand und erkannte erst dann, dass es ein dreidimensionaler Raum war, der jedoch so dunkel war, dass ich geglaubt hatte, es sei eine schwarze Leinwand. Ich blickte in diesem “Raum” an mir herunter und erkannte schockiert, dass ich nackt war. Ich erinnerte mich sofort an das von Aischa (r) überlieferte Hadith, in dem der Gesandte (s) sagt:

„Ihr werdet (am Tage des Jüngsten Gerichts) barfüßig, nackt, und (bei Männern) mit der Vorhaut versammelt.“ Aischa (r) berichtete weiter: „Ich sagte: ‘O Gesandter Allahs, Männer und Frauen sehen sich gegenseitig an?’ Der Prophet (s) erwiderte: ‘Das Ereignis wird gewaltiger sein, als dass sich die Menschen dafür interessieren würden!'”

(Al-Bukhari)

Mein Atem setzte aus und ich war sicher: Allahu akbar, es ist soweit!

Plötzlich rannte jemand schreiend an mir vorbei. Ich schaute nach vorne und sah das kleine leuchtende Licht größer werden. Es war Feuer und kam immer näher. Plötzlich rannten Hunderte, Tausende, unzählige Menschen kreischend durch den schwarzen Raum, der allmählich Gestalt annahm, dunkelgraue Wolken stürzten auf den Boden und äscherne Erde explodierte in den Himmel.
Yawm al-qiyama.
Ich spürte, wie ich meine Hände zu Fäusten ballte und nicht wusste, wohin. Die Menschen schrien, stießen und schubsten sich gegenseitig, ziellos, panisch, mir waren alle egal, ich war allen egal. Eine Mutter ließ ihr Kind fallen. Himmel und Erde waren nicht mehr zu unterscheiden, es war alles schwarz und heiß, die Welt stand auf dem Kopf, nichts passte mehr zusammen. Krampfhaft biss ich meine Zähne zusammen und versuchte mich an alles zu erinnern, was ich von diesem Tag wusste. Ich kniff die Augen fest zu und atmete schnell. Dann – mit einem Mal – war alles deutlich, leicht und nah. Ich horchte in die schreiende Menge, die ziellos um mich herumlief. Da! Da war es: “La ilaha illa Allah! Muhammadan rasul Allah! La ilaha illa Allah! Muhammad rasul Allah! La ilaha illa Allah! … ” Ich rannte zu der Stimme, es wurden mehr, sie wurden lauter. Auf einer Lichtung entdeckte ich sie dann zu Millionen: meine geliebte Umma! Ich rannte heulend zu ihnen und schrie mit ihnen bis es schmerzte: “La ilaha illa Allah! Muhammadan rasul Allah! La ilaha illa Allah! Muhammadan rasul Allah!” Es ertönte ein ohrenbetäubendes Geräusch und jeder einzelne Mensch, jedes Tier, jedes Blatt an jedem Baum, jedes Geschöpf, alles Existierende war wie angewurzelt, nichts bewegte sich mehr, als hätte Jemand auf Pause gedrückt. Alles stand still.

“Entschuldigung? Entschuldigung, ist hier noch frei?”

Zitternd öffnete ich die Augen. Der Hörsaal hatte sich gefüllt und ein Mädchen wollte sich in meine Reihe setzen. “Ja.”, stotterte ich und ließ sie durch. Die Vorlesung begann, mein Herz raste und meine Hände schwitzten. Ich hörte nicht zu, musterte beunruhigt und schmerzerfüllt vor Mitleid die Studenten, die meisten von ihnen vermutlich unwissend, keinen blassen Schimmer von der Schwere des Tages, der über uns kommen wird. Mir war nach Weinen zumute. Ich war verstört, dankbar, ergriffen, erschüttert und dachte nur eines: “Al-Jabbar!”

 

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