Al-Halim

Al-Halim

° Der Sanfte ° Der Nachsichtige °

„Wahrlich, diejenigen, die ihren Herrn im Verborgenen fürchten, werden Vergebung und einen großen Lohn erhalten. Und ob ihr euer Wort verbergt oder es offen verkündet. Er kennt die innersten Gedanken der Herzen. Kennt Er den denn nicht, den Er erschaffen hat? Und Er ist der Nachsichtige, der Allkundige.“

(Koran, Sure 67, Verse 12-14)

Ich möchte diesen wunderschönen Namen als Anlass nehmen, euch – meinen geliebten Geschwistern – etwas ans Herz zu legen und damit natürlich gleichzeitig auch an mich selbst zu appellieren.

Ich halte es eigentlich für mehr als gefährlich sich auf Aussagen auszuruhen wie „Dies und jenes wird mir Gott schon vergeben.“ „Nur ein paar Mal ‚astaghfirullah‘ und das wird schon gut gehen.“ „Diese kleine Sache wird schon nicht so schlimm sein.“ Denn woher wollen wir wissen, wie in einem anderen Beitrag bereits mal erwähnt, was am Ende das Zünglein an der Waage sein wird, subhanAllah? Vielleicht wird es genau ebendieser hochmütige Gedanke „Gott wird mir schon verzeihen“ sein, der uns schließlich das Genick bricht. Denn immerhin erheben wir uns mit dieser Aussage in gewisser Weise auf Allahs Stufe – a‘udhu billah – indem wir meinen festlegen zu können, wem was vergeben wird, auch wenn man einschränkend sagen muss, dass es natürlich eher einer Vermutung gleicht, als einer Entscheidung. Trotzdem sollte man äußerst vorsichtig damit sein, die Barmherzigkeit Allahs „herauszufordern“ und auszunutzen, indem man sich auf Seinem Versprechen, dass Seine Barmherzigkeit größer ist als Sein Zorn, ausruht. Ein solches Verhalten ist meines Erachtens durchtränkt von Undankbarkeit.

Trotzdem möchte ich in diesem Beitrag jedoch genau vom anderen Extrem sprechen. Nämlich davon, dass man sich für seine Fehler nicht selbst fertig machen sollte. So sehr, dass man sich wegen einer bestimmten Tat nicht mehr nur schämt und schlecht fühlt, sondern ein Gefühl empfindet, was über Reue hinausgeht und ernsthaft an unserer Selbstachtung nagt. Es kann nicht richtig sein, sich für seine Schwächen so sehr zu schämen, dass man rein gar nichts mehr von sich selbst hält und sich gar als niederträchtig betrachtet. Es klingt hart, aber ich kenne Geschwister, die ihr Gefühl von Reue über begangene Fehler so ins Extreme gesteigert haben, dass sie sich selbst einfach nichts mehr wert sind. SubhanAllah.

In diesem Umgang auch mit den schlimmsten eigenen Sünden stecken gewaltige und fatale Denkfehler: Zum einen wird dadurch implizit Allahs Barmherzigkeit infrage gestellt, subhanAllah. Ich denke, es ist recht einleuchtend, dass ich nicht denken darf „Gott wird mir das und das vergeben.“ Aber der Gedanke „Gott wird mir das und das nie vergeben.“ enthält genau die selbe Anmaßung wie die vorige Aussage, es ist lediglich die Kehrseite der Medaille. Wer bin ich zu bestimmen, dass Allah ta’ala mir etwas Bestimmtes vergeben wird und wer bin ich zu bestimmen, dass Er es nicht tut? Was weiß denn ich, Menschenkind, von Seiner Barmherzigkeit, Seiner Weisheit, Seinen Entscheidungen, Seinem Willen? SubhanAllah, ist Er denn nicht bis ins Unendliche erhaben über uns?

Allah weiß es am besten – und diesen Satz müssen wir verinnerlichen!

Zum anderen enthält ein destruktiver Umgang mit sich selbst auch Hoffnungslosigkeit. Drei Tage vor seinem Tod teilte uns der Gesandte (s) mit:

„Lasst niemanden von euch sterben, ohne das Beste von Allah, dem Allmächtigen und Erhabenen, zu denken.“

(Muslim)

SubhanAllah. Wie weh es mir tut, wenn einige Geschwister sich selbst so fertig machen und sich selbst für ihre Taten hassen – anders kann man es nicht beschreiben – wo sie doch all die Energie, die sie in ihr Selbstmitleid und ihre Autoaggression stecken in gute Taten und Besserung investieren könnten, hoffnungsvoll und zuversichtlich im Hinblick auf Allahs Erbarmen. Ich kenne das Gefühl so gut und es macht einen krank. Wer, wenn nicht Shaytan, redet uns ein, wir seien schlecht? Erwartet denn Allah ta’ala in Seiner Barmherzigkeit von uns nicht nur die guten Absichten und belohnt und bestraft uns diesen entsprechend? Wird denn irgendeiner Seele mehr auferlegt, als sie zu leisten vermag?

Wir zerstören unsere Selbstachtung und damit unsere Hoffnung auf Allah ta’ala. Wir bereuen nicht mehr nur, sondern wir geben auf. Worauf wird diese Denkweise letztlich hinauslaufen? Wenn wir denken „es hat sowieso keinen Sinn, Allah wird mir eh nicht vergeben“, was hält uns dann noch davon ab, weit Schlimmeres zu begehen?

SubhanAllah, wie geschickt der verfluchte Shaytan versucht, uns in die Irre gehen zu lassen. Er wendet kein offenkundiges Gebrüll an, sondern beeinflusst uns mit vermeintlich islamisch motiviertem Geflüster zu falschem Handeln. Indem er uns einredet „Wolltest du nicht ein guter Muslim sein? Ist es nicht heuchlerisch jetzt das Gebet zu verrichten, wo du doch dies und jenes getan hast? Willst du wirklich das Kopftuch tragen, wo du doch so und so handelst? Bete nicht, nimm es ab, damit du nicht zu den Heuchlern gehörst und Allah dich dafür nicht bestraft.“ Astaghfirullah al-Adhim.

Möge Allah ta’ala uns davor bewahren, auf diese dummen Gedanken reinzufallen und uns unsere Zuflucht immer bei Ihm suchen lassen. Möge Er uns dafür sensibilisieren, dass wir nicht verlieren können, wenn wir auf Allah ta’ala zugehen, auch wenn wir immer Fehler machen werden und nicht perfekt sind. Möge Er uns nicht vergessen lassen, dass Er auf uns zueilt, wenn wir nur zu Ihm gehen. SubhanAllah.

Meine liebsten Geschwister, behaltet dieses herzergreifende Versprechen Allah ta’alas im Kopf, wenn ihr denkt: „Allah wird mir diese grausame Tat niemals verzeihen“:

„O Sohn Adams! Gewiss werde ich dir vergeben, solange du Mich demütig darum bittest und auf Vergebung hoffst, was auch immer du getan haben magst.
O Sohn Adams, sogar wenn deine Sünden bis zum Himmel reichen, und du Mich um Vergebung bittest, werde Ich dir vergeben.
O Sohn Adams, wenn du zu Mir kämest mit einer Welt voller Sünden, und Mich träfest, ohne dass du Mir etwas beigesellt hast, würde Ich dir gewiss in gleichem Maße Verzeihung entgegenbringen.“

(At-Tirmidhi)

Allahu akbar. Er ist Der, Der uns mehr nachsieht, als es irgendein anderer jemals zu leisten vermag.

° Eure gerührte Schwester °

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.