Al-'Alim

Al-Alim

° Der Allwissende °

Dieser Name unseres Schöpfers kommt im Koran 32 Mal vor.

„Bei Ihm finden sich die Schlüssel zum Verborgenen, nur Er kennt sie. Und Er weiß, was auf dem Lande ist und was im Meer. Und nicht ein Blatt fällt nieder, ohne dass Er es weiß. Und kein Körnchen ist in der Finsternis der Erde und nichts Feuchtes und nichts Trockenes, das nicht in einem deutlichen Buch verzeichnet wäre.

Und Er ist es, Der eure Seelen in der Nacht abruft und weiß, was ihr am Tage begeht, an dem Er euch dann wieder erweckt, auf dass die vorbestimmte Frist vollendet werde. Zu Ihm werdet ihr dann heimkehren. Dann wird Er euch verkünden, was ihr getan habt.“

(Koran, Sure 6, Verse 59-60)

Gerade sitze ich im Zug, während ich diese Zeilen schreibe. Und subhanAllah – ich habe gerade in diesem Moment selbst wieder begriffen, was genau dieser Name – der Allwissende – bedeutet. Ich schäme mich zutiefst für mein vorschnelles Urteilen, das ich doch anderen so oft vorwerfe. Ich bin so unwissend und erlaube mir doch immer noch ständig mich so aufzuführen, als wäre ich wissend.

Weiter vorne, zwischen zwei Wagons, mühte sich eben ein älterer Mann mit seinem Fahrrad ab, als er versuchte damit durch zwei enge Türen zu kommen, die sich immer wieder automatisch schlossen. Da kam ihm ein sportlich gekleideter Jugendlicher – ich schätze ihn auf höchstens 15 Jahre – entgegen und hielt ihm freundlich die Tür auf. Der Junge lächelte und half ihm mit dem Fahrrad durch die Tür. Ich kann mir vorstellen, dass über den Jungen oft aufgrund seines Aussehens zu schnell geurteilt wird.

Da ich schon häufig mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet habe und mich das gutbürgerliche Echauffieren über deren angebliche „Asozialität“ dermaßen aufregt, tendiere ich mittlerweile schon grundsätzlich dazu, auf ihrer Seite zu stehen, wenn es Unklarheiten oder gar Streitigkeiten gibt. Ich habe einfach zu oft die Erfahrung gemacht, dass sie leichtfertig immer nur und immer noch missverstanden werden, als dass ich mich dieser aburteilenden Meinung der Mehrheitsgesellschaft über das so genannte „asoziale Pack“ anschließen könnte. Es muss schon sehr weit kommen, bis ich dem – und dann inschaAllah auch nur insgeheim – bei irgendwem zustimmen würde.

So half dieser Junge nun also dem älteren Herrn. Und wie reagierte dieser? Er verzog keine Miene, nicht den Hauch eines Lächelns, nicht mal eines Blickes gewürdigt, geschweige denn ein Wort, gar ein „Danke“. Einfach nichts. Innerlich regte ich mich sofort auf. Wie konnte man so undankbar sein? Warum hatte er nichts gesagt?

Ich war so „stolz“ auf den Jungen und ärgerte mich sehr, dass ihm dieser Mann nun nicht die gebührende Reaktion entgegenbrachte. Er war einfach stillschweigend weitergegangen, irgendwo aus meinem Blickfeld, hatte sich nicht umgedreht. Der Junge setzte sich ganz brav wieder auf seinen Platz, ebenso kein Wort, kein Schulterblick, keine Geste des Vorwurfs oder der Verwunderung, kein Kopfschütteln. Letzteres übernahm ich für ihn, vor mich hin. Kurz darauf stieg der Junge aus.

Und dann kehrte der ältere Herr zurück. Er setzte sich in meine Nähe, sodass ich ihn von vorne sah, bemerkte mich aber nicht. Ich beobachtete ihn unauffällig und wunderte mich nochmal – jetzt schon etwas restriktiver – über seine vorherige Reaktion. Und dann begann er zu sprechen. Mit sich selbst. Mit dem Zug. Mit niemandem. Ich verstand kaum etwas, er murmelte etwas von der „1. Klasse“ und gestikulierte – ohne dass ihm jemand (offenkundig) zuhörte – durch die Gegend. Er hatte einen starken schwer zu lokalisierenden Akzent und tiefe Falten im Gesicht, die ich erst jetzt bemerkte. Seine Wangen waren stark eingefallen, sein farbloses Haar dünn und spröde und seine Augen tief traurig. Er war ein gebrochener Mann.

SubhanAllah. Ich habe mich in Grund und Boden geschämt und tue es immer noch. Sein Anblick und seine Verwirrtheit berührten mich sehr und ich fragte mich: Ya Allah, was hat dieser Mann wohl erlebt? Wo kommt er her, was hat er gesehen, was durchgemacht? Was musste er ertragen, dass er dort nun sitzt und die Welt um sich herum überhaupt nicht wahrnimmt, nicht begreift, keinen Zugang zu ihr hat. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte das Gefühl, er war nicht immer so gewesen. Ich stellte mir vor, dass ihn Erfahrungen (schlimme Erfahrungen?) an diesen Punkt in seinem Leben, in diese isolierte, undurchdringbare Verwirrung gebracht hatten.

Ich war verloren in diesen Gedanken, während ich ihn heimlich weiter betrachtete. Mir kam wieder in den Sinn, wie ich über ihn geurteilt hatte, ihn für einen undankbaren Mann gehalten hatte und ihm innerlich Vorwürfe für sein Verhalten gegenüber dem Jungen gemacht hatte. Und jetzt fragte ich mich selbst schuldbewusst, vorwurfsvoll und beschämt: Was weiß ich denn schon?

Ich senkte meinen Blick wieder auf mein Laptop und las dort, in dem peinlichen Gefühl ertappt worden zu sein, mit Tränen in den Augen, schwarz auf weiß, allein auf meinem Bildschirm flimmernd und fast majestätisch (an)prangernd:

Der Allwissende.

SubhanAllah. Möge Allah ta’ala uns gemeinsam aus dieser Erfahrung lernen lassen. Wer sind wir zu urteilen über Dinge, die wir nicht bewerten können? Wir stecken nicht drin und nur Er weiß, was in unseren Herzen und in unserem tiefsten Innern vorgeht. Der Junge war nicht nur wohlerzogen und hilfsbereit, er war auch viel geduldiger und sanftmütiger als ich, zuckte er ja nicht eine Sekunde mit der Wimper, als ihm für seine gute Tat kein offenkundiger Dank entgegengebracht wurde – möge Allah ta’ala ihn unendlich dafür belohnen – während ich hier saß und den Kopf schüttelte.

Allah, Allwissender, vergib mir…

° Eure beschämte Schwester °

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.